Theatermenü von Theatralisch.ch

Theatervorstellung als 5-Gang-Menü – oder: Warum der Abend nicht erst mit Szene 1 beginnt

Theatervorstellung als 5-Gang-Menü: Warum der Abend nicht erst mit Szene 1 beginnt.

Von Christian Nill.

Theatermenü von Theatralisch.ch
Ein stimmiges Theatermenü ist Voraussetzung, damit der Theaterabend rund läuft.
© Theatralisch.ch; KI-erzeugt

Stellen Sie sich einen Theaterabend wie ein sorgfältig komponiertes Fünf-Gang-Menü vor. Um 20 Uhr geht es los, – aber genau wie im Restaurant beginnt das Erlebnis nicht erst mit der Hauptspeise. Die ersten Momente beim Eintreffen des Publikums sind das Amuse-Bouche. Dazu gehört auch ein funktionierender Barbetrieb und Übersichtlichkeit, wo was zu finden ist (Garderobe, WCs, Restaurant, Bühne). Nicht alle Gäste sind Stammgäste und mit den Gegebenheiten vertraut.

Es folgt die Vorspeise: der pünktliche Beginn der Vorstellung inklusive Licht- und Vorhangdramaturgie. Also alles, was direkt vor der ersten Szene auf der Bühne geschieht. Auch hier werden wichtige Akzente gesetzt; hier entscheidet sich bereits, ob sich Ihr Publikum willkommen und abgeholt fühlt. Für diese beiden ersten Gänge zeichnet die Gesamtleitung der Theatervorstellung verantwortlich. Sie glauben gar nicht, wie wohl man sich als Gast fühlt, wenn alle diese Dinge einfach gut funktionieren. Und die Theaterbar auch noch nicht gerade überlastet ist. Organisation ist alles.

Das Publikum hat Theater-Hunger

Das Theaterstück bis zur Pause stellt nun die erste Hauptspeise dar – in einer klassischen Menüabfolge wäre das der Fischgang; es darf aber auch Tofu sein. Manche Stücke starten explosiv, andere sind bewusste Slow Burner und bauen sich langsam auf. Beides ist legitim. Entscheidend ist: Der Geschmack des Gebotenen muss von Anfang an überzeugen! Ich erlebe es immer wieder, dass Produktionen erst «warm» werden wollen. Für das Publikum gibt es diesen Luxus aber nicht. Es sitzt bereit, ist hungrig und möchte vom ersten Moment an abgeholt werden. Wie im Restaurant: Der erste Bissen soll Lust machen auf mehr.

Die Theaterpause ist wie ein Zwischengang. Stellen Sie sich ein Zitronensorbet oder eine Gurkenkaltschale vor: erfrischend, erleichternd, schafft Platz für das noch Kommende. Auch hier spielt Dramaturgie eine Rolle: Wissen die Theatergäste, wie lange die Pause dauert? Die Buffetorganisation ist nun zentral. Viele Leute wollen nun sehr schnell ein Getränk bestellen – und auch noch genügend Zeit haben, es in Ruhe zu trinken. Auch wenn keine Profis hinter dem Tresen arbeiten: Sie müssen wissen, dass sie nun Teil der Aufführung sind und die Hauptrollen spielen! Ich habe es schon erlebt, dass nicht klar war, wo man für welche Bestellung anstehen muss. «Ach, Sie möchten auch noch ein Stück Kuchen? Dann müssen Sie sich dort hinten anstellen.» Danke. «Ach, Sie wollen nur einen Kafi? Dann bitte dort drüben anstehen.» Merci.

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Auch die Pausendramaturgie gehört zum Theatermenü.
© Theatralisch.ch; KI-erzeugt

Die letzte Pointe muss sitzen

Nach der Pause folgt ein weiteres kleines Amuse-Bouche: Pausenendsignal, Platznehmen, Licht, Vorhang, Action. Dynamik ist entscheidend! Die Spannung darf nicht «bachab» gehen, das Publikum will sofort wieder in die Stimmung des Stücks hineingezogen werden. Mit dem zweiten Hauptgang: früher klassischerweise ein Fleischgang; ein Blumenkohlschnitzel tut’s jedoch auch. Hauptsache. Dies ist das Schlussbouquet, gefolgt vom dramatischen Finale. Und schliesslich: Die letzte Pointe sitzt. Black. Im Theater folgt das Dessert stante pede.

Die Nachspeise ist natürlich der Schlussapplaus. Für die Spielleute auf der Bühne ist das Stück noch nicht ganz vorbei! Denn die Applausordnung muss funktionieren. Alle Spielenden ziehen am selben Strick. Lieber dieses Dessert nicht zu üppig kalkulieren. Sprich: Lieber einmal zu wenig verbeugen als einmal zu viel. Nichts ist peinlicher, als wenn das Publikum gerade aufhören wollte, zu applaudieren, und die Schauspieler nochmals eine Applausrunde forcieren…

Und ebenfalls ganz wichtig: Falls jetzt noch eine Ansprache folgen sollte, quasi ein Dessert-Amuse-Bouche, muss das Publikum schnell verstehen, dass noch etwas folgt. Und bitte bedenken: Das Publikum ist jetzt satt! Es will nach Hause oder an die Bar (gut für die Vereinskasse). Daher gilt für die Person, die die kleine (!) Ansprache hält: Keine internen Jokes nur für Eingeweihte, und vor allem keine unvorbereiteten Impro-Reden. Das ist genauso peinlich wie ein forcierter Applaus. Fassen Sie sich kurz, die Leute wollen gehen.

Dann auch noch eine Rede

Ich habe schon einige Male erlebt, wie an dieser Stelle viel Goodwill verspielt wurde, weil diese Schlussansprache für das Publikum weit weniger interessant war als für die Person, die die Ansprache hielt… Ansprachen sind eigentlich wie Rühreier: Jeder glaubt, das Gericht kochen zu können. Aber nur wenigen gelingt es, ein wirklich gutes, saftiges, umamireiches Rührei zu kreieren. Der Rest ähnelt eher diesen Krümelrühreiern, wie sie manchmal in 3-Sterne-Hotels während rund Stunden warmgehalten werden. Aber gut Reden halten kann gelernt werden.

Ein Theaterabend ist immer ein Gesamterlebnis. Wenn die Gäste eintreffen, beginnt der Abend, und er endet erst, wenn sie die Ausgangstüren hinter sich lassen. Der Abend wird nicht als gelungen wahrgenommen werden, wenn zwar das Stück hervorragend ist, aber das Drumrum nicht stimmt. Die Regie darf sich daher nicht nur auf das konzentrieren, was ab Szene 1 auf der Bühne passiert. Und die Gesamtleitung eines Amateurtheaters weiss: Auch das, was vor der Bühne geschieht, ist Teil der Darbietung. Anders gesagt: Macht es aus, wie man als Theaterverein wahrgenommen wird. Halt doch nur Laien? Oder doch bemerkenswert ambitionierte Amateure?

Die Gesamtdramaturgie bezieht das Publikum von A bis Z mit ein. Erhöht das Tempo, bei Bedarf; nimmt Tempo raus, wenn Luft zum Verschnaufen benötigt wird. Und ganz zentral: Regie und Gesamtleitung müssen zusammenspielen. Theater ist immer Teamwork!

Denn auch für unsere Amateurtheatervorstellungen bezahlen unsere Gäste Eintritt. Und sie investieren zudem viel Zeit und Aufmerksamkeit. Das muss uns immer etwas Wert sein. Ein Hobbykoch kann sich auch nicht darauf berufen, halt kein Profi zu sein, wenn die Gäste mal am Tisch sitzen. Dann muss er liefern. Und im Theater gilt: Dann müssen alle ihr Bestes geben! Köchinnen und Köche, Service, Gastgeberinnen – und ja, auch die Tellerwäscher im Hintergrund. Alle spielen eine Rolle und sind wichtig für den Theatererfolg!

Denn am Ende zählt nur eines: Hat das Theatermenü geschmeckt – bis zum letzten Bissen?

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Stimmiges Theatermenü – damit der Theaterabend rund läuft.
© Theatralisch.ch; KI-erzeugt

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