Grimasse oder Gefühl – Schauspielen kommt auch von innen.

Von Christian Nill.
Theater ist keine Kopie der Wirklichkeit. Es erschafft Wirklichkeit – jedes Mal neu, in diesem einen, unwiederholbaren Moment der Aufführung. Genau das macht seinen Zauber aus: Theater existiert nur, solange gespielt wird. Danach bleibt nichts als Erinnerung – und vielleicht ein bisschen Staub im Rampenlicht. (Na gut, auch noch Dutzende von Handy-Föteli… Aber Sie wissen vermutlich, was ich meine.)
Die Theaterwissenschaftlerin Erika Fischer-Lichte nennt das «Wirklichkeitskonstitution durch performative Kunst». Klingt abschreckend –, aber gemeint ist etwas Schönes: Eine Aufführung ist Wirklichkeit, nicht bloss deren Darstellung. Für uns Theatermenschen heisst das: Wir müssen im Moment wirklich da sein. Es braucht – Achtung, grosses Wort – Hingabe.
Echte Bühnenpräsenz
Gerade bei uns im Amateurtheater wird Wirkung manchmal mit Übertreibung verwechselt. Da wird grimassiert, gegrinst und gezuckt – alles für das Publikum. Und ja, das darf sein! Echte Bühnenpräsenz entsteht jedoch nicht durch Gesichtsmuskelakrobatik, sondern durch innere Bewegung. Charlie Chaplin und Buster Keaton konnten das meisterhaft, oder Evelyn Hamann (Partnerin von Loriot) und Maggie Smith: Ihre Gesichter bleiben ruhig – und doch ist alles da, Schmerz, Witz, Tragik, Sarkasmus. Natürlich, wir sind alle keine Chaplins oder Smiths, und es gibt unterschiedliche Theaterstile. Aber wir können Methoden lernen, um besser zu werden.
Es geht um eine grundsätzliche Haltung. Diese versuche ich als Regisseur für Amateurtheater in der Probenarbeit zu etablieren. Und da gibt’s kein pfannenfertiges Rezept, das man anwenden kann, und alles läuft wie geschmiert. Es ist die Aufgabe der Regie, das Potenzial der einzelnen Schauspielerinnen und Schauspieler herauszukitzeln. Einige von ihnen muss man zuerst zu Grösse und Übertreibung bringen, bevor man wieder herunterdimmen kann. Und andere spielen von Anfang an gross und exaltiert – dort braucht es eine gegenläufige Arbeit an der Rolle, mehr Innerlichkeit. Und am Schluss sollte das ganze Ensemble einigermassen kompakt in Erscheinung treten.
Forschungsreise zum ich
Auf der Bühne zu stehen und etwas darzustellen, bedeutet immer: Wir müssen auch bereit sein, etwas von uns zu zeigen. Uns eine Blösse geben. Weniger Eitelkeit, dafür mehr Authentizität, Mut und Hingabe. Diese Begriffe sind nicht nur Schlagworte, sondern Wegweiser. Sie helfen, einen Text zum Leben zu erwecken und Proben in kleine Entdeckungsreisen zu verwandeln.
Gerade im Amateurtheater liegt darin ein riesiger Schatz! Wer spielt, lernt sich selbst neu kennen. Man entdeckt Fähigkeiten, Gefühle, Bedürfnisse, die im Alltag kaum Platz haben. Theater wird so zu einer Art Forschung an der eigenen Persönlichkeit, – und das stärkt nicht nur das Spiel, sondern auch unser Selbstvertrauen.
Darum: Nebst der Gesichtsgymnastik (wo sinnvoll) braucht es auch Echtheit. Denn das Publikum spürt, wenn da jemand wirklich etwas erlebt und lebt mit – und genau das macht Theater so unwiderstehlich.
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