Tom Hanks – oder das Missverständnis des Schauspielens.
Von Christian Nill.

Das gab mir zu denken: Tom Hanks sagte einmal, er würde den an Aids erkrankten Homosexuellen aus Philadelphia heute nicht mehr spielen. Zu heikel, zu politisch, zu «nicht authentisch». Ein Satz, der etwas Grundsätzliches offenlegt: ein wachsendes Missverständnis darüber, was Schauspiel überhaupt ist.
Denn schauspielern heisst nicht, die eigene Identität auszustellen – sondern einen anderen Menschen (ob real oder erfunden) zu spielen. Es heisst, ein «Als-ob» zu verkörpern. Es bedeutet, sichtbar zu machen, dass etwas zur Schau gespielt wird. Das Theater (und jeder Film) lebt von dieser Übereinkunft: Wir wissen alle, dass nichts davon «wahr» ist – weder die Biografie der Figur, noch ihre Sexualität, noch ihre Herkunft. Und gerade daraus entsteht Kunst. (Sind Sie unsicher, was heute überhaupt auf die Bühne «darf»? Ich berate Sie gerne)
Alexander der Sexuelle
Wenn man Tom Hanks’ Logik auf die Geschichte überträgt: Mit welchem (griechischen oder mazedonischen?) Schauspieler müsste man Alexander den Grossen heute «authentisch» besetzen? Den Iren Colin Farrell, wahrscheinlich ziemlich «straight» und nicht ansatzweise Bi, können Sie vergessen. Bei Alexander lassen es die Quellen offen, ob er hetero, bi, homo oder alles gleichzeitig war. Wen castet man nun dafür? Einen Darsteller mit welcher sexuellen Identität – wenn wir die historische nicht einmal verbindlich kennen? Und wer sollte Jesus spielen? Sehr viel Persönliches wissen wir (leider) nicht über ihn.
Das funktioniert so nicht. Und das weiss auch Tom Hanks. Denn in einem Pinocchio-Remake spielt der schauspielerisch Hochbegabte den italienischen Gepetto. Heisst also: Amerikaner dürfen zwar Italiener spielen, aber Heterosexuelle keine Schwulen…
WAM weiss es besser
WAM, der beliebte Schweizer Volksschauspieler Walter Andreas Müller, hält in einem Interview mit der NZZ entschieden dagegen. Als «Adam und Eva Chifler» bildeten er und Ursula Schaeppi für viele Zuschauerinnen und Zuschauer das «Hetero-Ehepaar der Nation». Auf die Frage, wie seine Freunde reagiert hatten, als er als homosexueller Mann einen Hetero spielte, antwortet WAM: Es sei Unsinn, wenn Heterosexuelle keine Schwulen und Schwule keine Heterosexuellen mehr spielen dürften. Sein Beruf sei es, «Ehemänner oder Mörder» zu spielen, egal, wie sein eigenes Privatleben aussehe.
Ich frage mich dabei gerade, wer nun eigentlich mehr vom Schauspielen versteht – der mehrfach Oscar-gekrönte Tom Hanks? Oder unser aller WAM?? Er hat immerhin begriffen, dass Schauspielen nicht identisch mit Leben ist – man spielt lediglich «das Leben» bzw. eine Version davon.
Schauspielen in Absurdistan
Wenn man die zeitgeistige Hanks-Logik weiterdenkt, landet man schnell im Absurden: Darf ein gesunder Schauspieler noch einen krebskranken Menschen darstellen? Oder müsste er selbst Krebs ebenfalls an Krebs erkrankt sein? Und müsste er den gleichen Krebs haben – oder Hauptsache überhaupt Krebs? Darf eine sehende Schauspielerin die blinde Kassandra spielen, die wunderbarerweise plötzlich wieder sehen kann? Wer bitte soll Graf Dracula verkörpern dürfen – ein zertifizierter, rumänischer Nachkomme Vlad Draculs?
Und ganz schwierig wird es bei Seelenwanderungen: Darf ein Schauspieler, dessen Figur irrsinnigerweise im Körper der Ehefrau landete (und umgekehrt), und in deren Körper schizophrenerweise plötzlich auch noch die Seele des verstorbenen Familienhundes auftaucht, diese Figur spielen? Oder müsste man dafür einen toten Hund engagieren und verkleiden?
Das alles zeigt nur eines: Schauspiel ist immer die Kunst des Als-ob. Alles andere wäre Dokumentation, nicht Theater. Ist auch möglich; aber nicht die einzige Art von Theater.
Meisterwerke auf den Index!
Zudem gäbe es nach der Hanks-Logik einige herausragende Werke der Filmgeschichte gar nicht mehr:
Dustin Hoffman als autistischer Raymond in Rain Man? Gecancelt. Ebenso Eddie Redmayne als Lili Elbe in The Danish Girl! Oder die Oscar-Preisträgerin Charlize Theron als mordende, bisexuelle Prostituierte in Monster: Wie genau hätte dieses Casting zu einem vernünftigen Ergebnis kommen sollen, wenn nur «authentische» Personen dafür infrage gekommen wären?
Weil’s gerade Spass macht – spinnen wir den Faden noch etwas weiter: Anthony Hopkins als Hannibal Lecter? Zuerst ausgiebig ein paar Menschen verspeisen als Vorbereitung auf die Rolle? Oder dann Bruno Ganz in einer seiner vielen Glanzrollen als «Hitler»?? Ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie hier der Casting-Aufruf hätte aussehen sollen, gemäss Mister Hanks…
Um das Gedankenspiel abzuschliessen, hier noch der Versuch, für Wonder Woman, Teil 3, die Casting-Ausschreibung schon mal in authentische Wege zu leiten:
CASTING für Wonder Woman


Aus Gründen mangelnder Authentizität muss Gal Gadot als Wonder Woman leider ersetzt werden, da sie lediglich Schauspielerin ist.
Gesucht wird deshalb die neue Wonder Woman.
Bitte bewerben Sie sich nur, wenn Sie folgende identitären Eigenschaften besitzen:
Nur echte Amazoninnen aus Themyscira gesucht.
Nachweis als Halbgöttin erforderlich (Zeus-Töchter bevorzugt).
Zwingend sind:
> Übermenschliche Stärke.
> Eigenständige Flugfähigkeit.
> Sowie der Besitz eines magischen Artefakts.
Sie können Panzer heben und den Weltfrieden garantieren?
Dann sind Sie unsere neue Wonder Woman!
Doch genug Sarkasmus für heute
Das «So tun als ob» ist das Herz des Schauspielens und Theatermachens. Wer daraus ein identitäres Drama macht, hat ein Problem.
Deshalb: Bloss kein Drama – ausser auf der Bühne!
Oder wie sehen Sie das? Schreiben Sie einen Kommentar!
- Link zum WAM-Inti in der NZZ: Blocher-Parodist Walter Andreas Müller: «Die Schweizer sind enorm empfindlich, was den Humor betrifft.» (Vielleicht ist der Text hinter der Bezahlschranke verborgen; das täte mir leid.)


