Welches Stück passt zu unserem Verein? Gedanken zur Stückwahl im Amateurtheater
Von Christian Nill.

Wenn der Vorstand eines Amateurtheaters ein Stück auswählt, entscheidet er selten nur über einen Titel. Sie als Vorstandsmitglieder entscheiden über Richtung, Ton und Selbstverständnis Ihres Vereins. Stückwahl ist immer auch ein wenig Identitätsarbeit: Welcher Verein möchte man sein? Genau deshalb lohnt es sich, wieder einmal kurz zu reflektieren, welche Kriterien wesentlich sind bei der Wahl des «richtigen» Stücks für die eigene Bühne. Und wie Dramaturgie für Laienbühnen funktioniert.
1. Das Ensemble: Alter, Energie & Rollenrealität
Beginnen wir mit dem Offensichtlichen, das dennoch oft unterschätzt wird: Das Ensemble.
Wie altersdurchmischt ist die Gruppe? Wie theatererprobt? Gibt es junge Spielende, die unbedingt auf die Bühne wollen, die Tempo mitbringen und vielleicht lieber körperlicher spielen? Oder besteht das Ensemble eher aus älteren Semestern, die Lebenserfahrung, Textsicherheit und Präsenz haben, aber weniger Lust auf hektische Slapsticknummern?
Ebenso zentral: Wie homogen ist das Ensemble wirklich? Es gibt Vereine, die von zwei, drei starken Zugpferden leben, während der Rest bewusst kleinere Aufgaben übernimmt. Das ist kein Makel, sondern verlangt dann nach sogenannten Star-Stücken mit klaren, dominierenden Hauptrollen und diversen Nebenrollen.
Andere Ensembles funktionieren als Kollektiv: gleiche Spielfreude, vergleichbares Niveau, Lust auf Miteinander. Dort passen Ensemblestücke, Dialogkomödien oder auch leisere Formen deutlich besser.

2. Komödie ist nicht gleich Komödie
«Wir wollen eine lustige Komödie machen» ist als Antwort, was gespielt werden soll, in etwa so präzise wie «Wir kochen etwas Warmes». Das ist zwar schon mal gut zu wissen, aber das Feld ist immer noch ziemlich weit. Entscheidend ist das Subgenre und die Art von Humor, die zu Ihrem Verein passt.
Arten von Komödien (nicht abschliessende Auflistung):
- Dialogbasierte Komödie: Wortwitz, Timing, Eleganz.
Beispiele: Noël Coward (Private Lives bzw. Quadrillen), Alan Ayckbourn (z.B. Schlafzimmerfarce). Funktioniert nur, wenn die Spielleute es verstehen, die Sprache zu tragen. Sonst verpufft der Witz, und es wird unfreiwillig komisch. - Mechanische Farce: Türen, Verwechslungen, Tempo, Präzision.
Beispiele: Michael Cooney (Rente gut – alles gut), Michael Frayn (Der nackte Wahnsinn). Hier ist Schauspiel weniger psychologisch, dafür sehr virtuos und präzise, was es handwerklich anspruchsvoll macht. - Slapstick & Groteske: körperlich, überzeichnet, manchmal anarchisch bis schwarzhumorig. Beispiel: Monty Python (alles), teilweise auch Dario Fo (z.B. Nur Kinder, Küche, Kirche).
- Schwank & Bauernkomödie: Figuren, Typen, Wiedererkennung (z.B. Polizischt Wäckerli). Funktioniert regional oft hervorragend – solange man weiss, welche Art von Humor das Publikum schätzt und welche nicht.
Natürlich kann nicht jedes Ensemble alles spielen. Und nicht jedes Publikum will alles sehen. Wenn nun ein Theaterverein bewusst eine neue Richtung einschlagen möchte, ist die Wahl des passenden Stücks natürlich die perfekte Gelegenheit, um eine Neupositionierung in die Wege zu leiten. Und ein neues Publikum anzusprechen.
3. Sprache, Nähe & heikle Zonen
Um es mal ganz zugespitzt zu sagen: Mundart schafft Nähe, Hochdeutsch Distanz. Beides kann stark wirken und je nach Bedürfnis richtig sein. In unseren Breitengraden, also in der Deutschschweiz und auf Laienbühnen, ist Dialekt normalerweise die richtige Wahl. Hochdeutsch stellt andere Anforderungen an die Spielleute und liegt uns Schweizerinnen und Schweizern einfach weniger nahe.
Aber dessen ungeachtet: Entscheidend ist, ob das Ensemble ein Stück sprachlich tragen kann – ganz ohne Verkrampfung.
Auch heikle Fragen gehören zur Stückauswahl:
Wie experimentierfreudig sind die Schauspielerinnen und Schauspieler, aber auch das Publikum? Sind Liebesszenen möglich, selbst zurückhaltend? Ein Bühnenkuss kann in einer Dorfgemeinschaft, in der sich alle beim Vornamen nennen, mehr Diskussionen auslösen als jede Textänderung. Das muss man berücksichtigen, bevor man ein Stück auswählt. Sonst hängt dann plötzlich der Haussegen schief bei Müllers und bei Meiers…
Zudem sollen auch theatrale Anspielungen, die eher für Erwachsene gedacht sind, mitberücksichtigt werden. Wie viel Anzüglichkeiten verträgt eine Inszenierung? Darf man nur mit angezogener Handbremse spielen, weil viele Kinder im Publikum sein werden? Oder darf die Handbremse auch mal ausgezogen, pardon: gelöst sein? Die Sehgewohnheiten haben sich verändert, und auch unsere jungen Mitmenschen werden heute über Blockbusterfilme und Social Media schon früh mit Erwachsenenthemen konfrontiert (ob man das nun gut findet oder nicht). Dennoch gehört dieser Aspekt in den Kriterienkatalog – mit einer klaren Haltung dazu.
Wohlgemerkt: Es geht mir hier nicht um Obszönitäten. Diese gehören, ganz klassisch wie im römischen Theater, hinter die Bühne (ob scaenam = ausserhalb der Szene, sprich hinter der Bühne). Die Rede ist hier von schauspielerischen Anspielungen auf gewisse Aktivitäten von Liebespaaren im Schlafzimmer, wie sie beispielsweise im Stück Tom, Dick & Harry von Ray und Michael Cooney mit eindeutigen Beckenbewegungen immer wieder zur Schau gestellt werden.

4. Mission & Absicht des Vereins
Ein oft unterschätzter Punkt: Hat der Verein eine inhaltliche Mission? Verfolgen die Vorstandsmitglieder über das reine Unterhalten Wollen hinaus noch andere Ziele mit ihrer Vereinsarbeit? Beides ist ok. Aber auch hier braucht’s eine klare Antwort: Wollen Sie lediglich unterhalten, oder wollen Sie darüber hinaus auch ein bestimmtes, gesellschaftlich relevantes Thema verhandeln? Und verträgt Ihr Publikum Ambivalenz?
- Sozialkritisch: z.B. zeitgenössische Stücke über Machtstrukturen Generationenkonflikte, Abhängigkeiten (z.B. Dürrenmatts Besuch der alten Dame oder Yasmin Rezas Gott des Gemetzels)
- Politisch: Brecht (z.B: Der gute Mensch von Sezuan), auch in reduzierter Form.
- Klassiker: Auch möglich, aber nur, wenn Form, Sprache und Aussagewunsch mitgedacht werden und sich das Ensemble dafür eignet. Z.B. Gogols Revisor, Goldonis Diener zweier Herren, Molièrs Geiziger, um nur ein paar zu nennen.
Natürlich muss auch nicht jedes Jahr die gleiche Art von Theater gezeigt werden. Inhaltliche, thematische Abwechslungen sorgen auch beim eigenen Stammpublikum für willkommene Überraschungen.
5. Raum, Ausstattung, Technik & Realität
Die schönste Idee scheitert an einem ungeeigneten Aufführungsraum. Ist die Akustik mies? Dann sind wortlastige Dialogstücke nicht empfehlenswert. Ist die Bühne zu wenig hoch? Dann fallen z.B. zweistöckige Farcen weg. Oder Stücke mit turmhohen Spezial-Aquarien. Gibt’s Festbestuhlung mit Tischen? Dann sollte auf der Bühne in der Mehrzweckhalle nicht mit dem Skalpell inszeniert werden müssen, etwas robuster darf’s dann schon zu- und hergehen on stage. Der Raum spielt immer mit.
Selbiges gilt auch für die weiteren Bereiche hinter der Bühne:
Gibt es besonders ambitionierte Maskenbildnerinnen und/oder Friseure, die ihre Kunst gerne zur Schau stellen möchten? Dann spielen Sie gerne etwas Opulentes, warum nicht Barockes (Molière). Oder bietet die Infrastruktur zu wenig Platz für einen geräumigen Schminkraum? Dann sollte es kein Stück sein, bei dem Masken und Schminke die Hauptrollen spielen.
6. Stück bearbeiten oder pfannenfertig aufführen?
Will man ein Stück telquel spielen können, oder soll es noch individuell an gewisse Vereinsbedürfnisse und lokale Gegebenheiten angepasst werden? Dann gilt es zu bedenken, dass nicht jedes Stück problemlos eingeschweizert werden kann. Manches lebt schlicht zu stark z.B. vom britischen Klassensystem, von typisch amerikanischer Lebenswelt oder urbanen Milieus, als dass man es glaubwürdig an regionale Verhältnisse zwischen Bümpliz und Müswangen anpassen könnte. Da hilft auch eine simple Einfärbung auf Dialekt nicht weiter.
Andere Texte hingegen sind erstaunlich flexibel, wenn man weiss, wo man eingreifen darf.
Zum Schluss ein Gedanke
Stückwahl ist kein Rätsel, das man allein lösen muss. Sie wird besser, wenn man gemeinsam denkt, sich austauscht und verschiedene Perspektiven einbezieht. Mit Erfahrung, Aussenblick und Klarheit darüber, wer man als Verein ist und welcher Verein man sein möchte.
Genau dort beginnt dramaturgische Beratung. Nicht mit fertigen Titeln, sondern mit einem sukzessiven Herantasten, an das, was für den Theaterverein ein nächster logischer Schritt sein könnte. Ich kann Ihnen dabei helfen: Dramaturgische Beratung.


