Lampenfieber im Amateurtheater

La Barcararolle - vor der Aufführung - Amateurtheater

Lampenfieber im Amateurtheater – was Schauspielern wirklich hilft.

Von Christian Nill.

Lampenfieber gehört dazu. Wer vor Publikum steht, spürt Herzklopfen, trockenen Mund oder zittrige Knie. In meiner Regie für Amateurtheater im Aargau sage ich deshalb oft: Nervosität ist kein Gegner – sie liefert Energie. Entscheidend ist, wie wir sie nutzen.

Als Regisseur erlebe ich, dass gerade engagierte Hobbyspieler:innen besonders stark betroffen sind. Sie wollen es gut machen, für das Publikum, für den Verein, für die ganze Truppe. Genau hier setzt gute Regiearbeit an: Sicherheit entsteht durch Struktur. Wer weiss, wo er steht, wann er geht, was er will und worauf er reagiert, fühlt sich getragen.

Ich arbeite vor den Theaterpremieren gezielt mit klaren Abläufen. Feste Rituale vor dem Auftritt. Ein gemeinsames Warm-up. Konzentration auf die erste Handlung, nicht auf den ganzen Abend. Lampenfieber wird kleiner, wenn der Fokus konkret wird: «Ich betrete die Bühne, schaue meine Partnerin an und sage meinen ersten Satz.» Schritt für Schritt.

Das Theaterpublikum fiebert mit

Wichtig ist auch der Perspektivwechsel. Die Zuschauerinnen und Zuschauer warten nicht darauf, dass jemand scheitert. Sie möchten einen gelungenen Abend erleben. Diese Haltung vermittle ich als erfahrener Regisseur für Vereinsproduktionen immer wieder: Wir stehen nicht vor einem Tribunal, sondern vor Menschen, die uns wohlgesinnt sind. Das einzige, was wir dem Publikum schulden, ist eine unterhaltsame Vorstellung.
In der Arbeit mit Laien zeige ich zudem einfache Techniken: bewusste Atmung, klare Körperhaltung, ruhiger Blickkontakt. Der Körper führt den Geist. Wer steht, statt zu schwanken, fühlt sich innerlich stabiler.

La Barcararolle - eine Schauspieler konzentriert sich auf ihren Auftritt
Eine Schauspieler konzentriert sich auf ihren Auftritt.
La Barcararolle eine SciFi-Krimikomödie im Altersheim (von Christian R. Nill)

Auftrittsangst und andere Gebresten

Lampenfieber manifestiert sich unterschiedlich. Es gibt verschiedene Arten von «Gebresten», die alle kennen: Blackouts, verpasste Einsätze, plötzliches Zu-schnell-Sprechen oder das Gefühl, die Beine seien nicht mehr Teil des eigenen Körpers. Manche Spielleute werden still und ziehen sich zurück, andere kompensieren mit Tempo oder Lautstärke. Beides ist verständlich, aber selten hilfreich.

Was konkret hilft? Mach es wie Didier Cuche!

  • Erstens: Den ersten Moment präzise setzen. Der Profisportler und ehemalige Skirennfahrer Didier Cuche war berühmt dafür, wie er vor einer Abfahrt die ganze Strecke vor seinem inneren Auge Revue passieren liess. Sein Körper machte alle Kurven und Sprünge mit.
    Das ist wie ein Ritual. Mach es auch so: Imaginiere Dir Deinen Auftritt. Stell es Dir so konkret wie möglich vor. Nicht «irgendwie anfangen», sondern genau wissen: Wohin gehe ich, wenn ich gleich auftrete? Wo stehe ich? Wen sehe ich an? Was ist meine erste Handlung? Was ist mein erster Text? Die Scheinwerfer blenden, das Publikum hustet… Dieser klar definierte Einstieg wirkt wie ein Anker.
  • Zweitens: Den Text nicht «abrufen», sondern denken. Wer sich auf die Absicht konzentriert («Meine Figur hat ein konkretes Ziel und will jetzt etwas erreichen.»), findet leichter zurück, auch wenn ein Satz kurz fehlt.
  • Drittens: Kleine physische Fixpunkte einbauen. Ein bewusster Schritt, ein Griff zum Requisit, ein gesetzter Blickkontakt. Solche Handlungen holen einen zurück ins Hier und Jetzt. Auch dies ist ein Anker, der Dich in der Situation erdet. Wichtig ist, dass Du Deinen Fokus wieder aufs Spiel richten kannst, weg vom Lampenfieber.
  • Viertens: Tempo kontrollieren. Viele Laienschauspieler werden unter Druck schneller – und verlieren dadurch Präsenz. Eine bewusst gesetzte Pause wirkt oft stärker als drei hastige Sätze. Durchatmen.
KI-generiertes Symbolbild: Schauspielerin mit Lampenfieber kurz vor dem Auftritt
KI-generiertes Symbolbild: Schauspielerin mit Lampenfieber kurz vor dem Auftritt.

Lampenfieber geht nicht weg – Aber der Umgang damit wird vertrauter

Interessant ist auch, wie unterschiedlich sich diese manchmal lähmende Angst vor dem Auftreten zeigen kann. Manche Spielleute berichten von innerer Unruhe und dem Wunsch, «alles richtig machen zu wollen», sie werden übervorsichtig, während andere dazu neigen, Unsicherheit mit mehr Power zu überspielen. Natürlich ist das keine Regel – aber in der Regiearbeit im Amateurtheater beobachte ich solche Tendenzen immer wieder.

Wichtig ist: Lamenfieber für die meisten normal. Entscheidend ist nicht, es zu vermeiden, sondern zu lenken. Wer seine eigenen Muster kennt, kann gezielt gegensteuern – und genau darin liegt ein grosser Teil der Bühnenroutine.

Lampenfieber verschwindet selten ganz. Und das muss es auch nicht. Ein gewisses Kribbeln macht wach und präsent. Mit klarer Regie, guter Vorbereitung und Vertrauen ins Ensemble wird aus Nervosität Spielfreude.


Und genau dann entsteht jener besondere Moment, für den wir Theater machen.

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