Wie entwickelt man eine Rolle glaubwürdig?

Probenarbeit mit dem Theater Witikon; Alice und Lorenz in Dinner mit Chaos.

Wie entwickelt man eine Rolle glaubwürdig – auch ohne Schauspielausbildung?

Von Christian Nill.

Viele Spielerinnen und Spieler im Theaterverein stellen sich dieselbe Frage: «Reicht das, was ich kann?» Meine klare Antwort aus der Regie für Amateurtheater im Aargau (und umliegendene Kantonen) lautet: Ja! Wenn du lernst, deine Rolle bewusst zu entwickeln und zu führen. Glaubwürdigkeit entsteht nicht durch eine Schauspielschule, sondern durch Klarheit auf der Bühne. Wisse, was du tust!

Als Regisseur für Laienbühnen arbeite ich deshalb zuerst an einer einfachen, aber entscheidenden Frage: Was will die Figur? Jede Szene bekommt ihre spezifische Richtung, sobald klar ist, welches Ziel die einzelnen Figuren verfolgen. Wer etwas will, spielt automatisch aktiver. Und aktives Spiel hilft den Laiendarstellerinnen und -darstellern. Wie das geht, kann in Workshops gelernt und vertieft werden.

In der Regiearbeit im Amateurtheater geht es zudem darum, den Text nicht nur auswendig zu lernen, sondern zu verstehen. Warum sage ich diesen Satz? Was löst er beim Gegenüber aus? Was steckt dahinter? Stichwort: Subtext! Gute Theaterregie bedeutet für mich, Schauspielerinnen und Schauspieler so zu führen, dass sie Zusammenhänge erkennen. Wenn Sinn entsteht, verschwindet das «Aufsagen».

Beziehungen zwischen Figuren zum Leben erwecken

Ein weiterer Schlüssel ist der Partnerbezug. Theaterspielen bedeutet nicht, einen Monolog nach dem andern im Rampenlicht abzusondern, sondern Beziehungen zwischen den Figuren lebendig werden zu lassen. Höre ich wirklich zu? Reagiere ich angemessen? Gerade in meiner Arbeit mit Laien zeigt sich: Präsenz entsteht im Austausch. Wer den Moment mit dem Gegenüber teilt, wirkt automatisch natürlicher.

Probenarbeit mit dem Theater Witikon. Mit Lorenz, Margarita, Elsbeth und Regisseur Christian Nill.
Probenarbeit mit dem Theater Witikon. Mit Lorenz, Margarita, Elsbeth und Regisseur Christian Nill.

Als erfahrener Regisseur für Vereinsproduktionen weiss ich, dass Unsicherheit oft aus Überforderung kommt. Deshalb arbeite ich mit konkreten Spielaufgaben statt abstrakten Theorien. Kleine, klare Schritte. Eine präzise Bewegung. Ein bewusster Blick. Körperspannung. Klarheit darüber, wo man im Raum steht. Usf. So wächst Sicherheit und mit ihr Ausdruck – und Selbstbewusstsein.

Glaubwürdiges Spiel ist keine Frage von Talent, sondern von Führung und Aufmerksamkeit. Mit klarer Regie, strukturiertem Probenprozess und Vertrauen in die eigene Wahrnehmung können Laienschauspielerinnen und Laienschauspieler erstaunliche Tiefe entwickeln.
Nicht Perfektion überzeugt das Publikum, sondern Echtheit.

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